Das Konzept von Hortus Signorum - Demenzprojekt des Bildhauers Rudolf P. Schneider

  • Zahlen - Daten - Fakten
  • Die Situation in Pflegeheimen
  • Das Projekt Bildhauerei
  • Fazit

Zahlen - Daten - Fakten

In Deutschland sind aktuell ca. 1,5 Mio. Menschen an einer Demenz, einer Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit erkrankt. Aufgrund der erheblichen Einschränkungen des Gedächtnisses, der Sprache, der Orientierung und des Urteilvermögens sind die Betroffenen nicht mehr zu einer selbstständigen Lebensführung in der Lage. Demenzen treten überwiegend im Alter auf. So sind lediglich nur 2 % der Erkrankten unter 65, aber ca. 2/3 über 80 Jahre alt. Unter anderem wegen der höheren Lebenserwartung sind 70 % der Erkrankten Frauen und 30 % Männer. Ohne Fortschritte bei Prävention und Therapie und aufgrund der demographischen Entwicklungen wird die Zahl der Erkrankten bis zum Jahr 2050 auf ca. 3 Mio. anwachsen.

Die Situation in Pflegeheimen

An Demenz Erkrankte bedürfen je nach Schwere der Erkrankung einer ständigen Betreuung durch Familie oder Pflegeeinrichtungen. Betreuung und Pflege durch die Familien ist zunehmend zeitintensiv und belastend, zudem heute jeder für Aufbau und Sicherung seiner eigenen Altersversorgung verantwortlich ist und durch die eigene Berufstätigkeit für die erforderlichen Pflegezeiten nicht verfügbar ist. Dies führt immer häufiger zum Einzug der an Demenz Erkrankten in spezialisierte Pflegheime. Die Betreiber der Pflegeeinrichtungen bietet durch den sozialen Dienst und ehrenamtliche Initiativen vielfältige Aktivitäten wie z.B. Arbeiten im Haushalt, Musikalische Beschäftigungen, Konzerte, Gymnastikstunden, Vorträge, Ausstellungen oder Malzirkel an. Diese Themen sprechen jedoch überwiegend Frauen an, da sie aus ihrer eigenen Sozialisation und ihrem Rollenverständnis damit vertraut sind. Menschen im höheren Alter haben überwiegend die klassische Rollenverteilung ge- und erlebt. Die Frau war für den Haushalt und die Kindererziehung verantwortlich und die Männer gingen traditionell „auf die Arbeit“ und verdienten das benötigte Geld. Ihre Arbeitsinhalte waren eher gewerblich-technisch (handwerklich) oder kaufmännisch ausgerichtet. Viele der heutigen Angebote erreichen somit die Männer nicht und das Warten auf die Mahlzeiten bestimmt deren Tagesstruktur. Zudem wirkt sich diese physische und psychische Inaktivität äußerst negativ auf den Krankheitsverlauf aus.

Das Projekt Bildhuerei

Idee – Grundkonzept

Im Frühjahr 2011 erörterte ich mit Frau Angelika Furth, Vorsitzende des Kulturvereins Mittelahr, und Frau Elisabeth Schröder-Solf, Einrichtungsleiterin des Senioren- und Pflegezentrums Maternus-Stift in Altenahr, die geschilderte Situation der an Demenz erkrankten Männer mit dem Ziel, ein adressatengerechtes Projekt zu entwickeln, um diese zu mobilisieren und dadurch deren abwechslungsarme Tagesstruktur aufzubrechen und einen weiteren sozialen Rückzug zu verhindern. Und hier setzt das Projekt an. Bereits 2001 und 2003 hatte ich im Rahmen der „Adenauer Holzschnitzertage“ Projekte umgesetzt, in denen ich Interessierte mit dem Werkstoff Holz bekannt machte, die Möglichkeiten der kreativen Bearbeitung zeigte und erleben ließ, sowie eine intensive Kommunikation über die entstandenen Werke förderte. Und genau diese Ansätze entwickelte ich für das Projekt „Hortus Signorum“ mit dem Ziel weiter, für die an Demenz erkrankten Männern die physische Belastung gering zu halten und kurzfristig ein Erfolgserlebnis zu ermöglichen. Zudem passt der handwerkliche Umgang mit Werkzeugen und Materialien in die „Welt“ der Männer und motiviert sie. Das Schnitzeisen mittels Knüpfel in das Holz zu treiben erfordert das Erlernen neuer koordinierter Bewegungsabläufe. Dies fördert neben der physischen Aktiviertheit auch die Gehirnaktivität.

Umsetzung

Die zentrale Aufgabe des Projektes ist die bildhauerische Bearbeitung eines Holzstamms mittels Schnitzeisen und Knüpfel. Allein durch die körperliche Tätigkeit wird das Herz-Kreislauf-System angeregt und die Versorgung des Körpers mit Nährstoffen und Sauerstoff verbessert. Zur Bearbeitung des Stamms müssen bestimmte Bewegungsabläufe gelernt und koordiniert werden. Jeder Teilnehmer kann seiner Fantasie freien Lauf lassen und erkennen, wie sich nach und nach eine Skulptur aus dem Holz entwickelt. Die Gestaltung lässt Raum für Interpretationen und fördert die Kreativität sowie die Kommunikation unter den Projektteilnehmern. Insbesondere die Selbstgewissheit, mit seiner Arbeit einen Beitrag geleistet zu haben, verstärkt das Erlebnis und motiviert für die weitere Projektmitarbeit. Zum Projektbeginn wird ein Fichtenstamm (Durchmesser ca. 35 cm, Höhe ca. 180 cm) auf dem Boden oder auf einer entsprechenden Platte verankert. Fichte ist eine gängige Holzart, so dass niemand Angst haben muss, etwas falsch machen zu können. Zudem ist Fichtenholz ein Weichholz und somit leicht zu bearbeiten. Die Skulptur wird von mir vor dem Projektbeginn entworfen. Im Projekt gebe ich die Form vor, indem ich Kettensägeschnitte quer zur Maserung in Abständen von 3 – 5 cm setze. Hierdurch wird auch das Absprengen des Holzes mittels Schnitzeisen und Knüpfel für die Teilnehmer erleichtert. Dies ist wichtig, damit niemand überfordert wird und sich schnelle Erfolge einstellen, was eine weitere Motivation bewirkt. Die Oberflächenstruktur der Skulptur wird dadurch recht grob gehalten. Jeder Projektteilnehmer wird einzeln an seinem Platz abgeholt und zum Stamm begleitet. Dort bekommt er gezeigt, wo und wie er das Eisen ansetzen kann. Je nach Grad der Erkrankung und der körperlichen Konstitution wird er dann aufgefordert, den Stamm zu bearbeiten. Falls erforderlich, führe ich mit ihm gemeinsam das Schnitzeisen und unterstütze seine Aktivität. Pro Woche finden zwei Projekttermine statt, da hierdurch ein Anknüpfen an die letzte Einheit (Gedanken, Ideen, Erfahrungen, Techniken, Emotionen) leichter wird.

Sicherheit

Eine wesentliche Voraussetzung für die Arbeit und zur Vermeidung von Unfällen sind bestimmte Informationen über die Erkrankung der Teilnehmer erforderlich, insbesondere sind Kenntnisse über Hetero- und Autoaggressionen sowie Aggressionen gegen Dinge unverzichtbar. In diesen Fällen unterstütze ich bei der Führung des Werkzeuges, sodass ich immer die Kontrolle über das scharfe Schnitzeisen habe. Zudem ist die ständige Anwesenheit einer Fachkraft der Einrichtung eine notwendige Bedingung. Die Schnitte mit der Kettensäge führe ich am jeweiligen Projekttag vor Beginn der Arbeit mit den Teilnehmern aus. Eine Benutzung der Säge durch diese wird ausgeschlossen.

Evaluation

In den Jahren 2011 bis 2015 wurden im Senioren- und Pflegezentrum Maternus-Stift in Altenahr fünf Projekte nach dem o.a. Konzept durchgeführt. 2013 erfolgte eine Evaluation des Projektes durch das Institut für Soziale Infrastruktur (ISIS) in Frankfurt. Hierzu wurden im Zeitraum von zwei Monaten vor Beginn, während des Projektes und nach Abschluss morgens und nachmittags Beobachtungsbögen jeweils zu den einzelnen Teilnehmern vom Personal ausgefüllt. Die daraus erstellte Studie von Herrn Uwe Schacher stellt zusammenfassend fest (Auszug aus der Überblicksauswertung): „Auf die gesamte Gruppe hin gesehen verbessern sich durch das Treatment alle Dimensionen der Kognition (Orientierung, Aufmerksamkeit, Auffassungsvermögen und Sprachaktivität). Es kommt ebenfalls zu einer Verbesserung der kommunikativen Fähigkeiten (Personenerkennung und Sprachaktivität). Beachtlich ist die Steigerung der Aktiviertheit auch für die Zeit nach dem Treatment. Bei den Emotionen wird Freude gesteigert, Wut und Verachtung reduziert. Ebenfalls ganz deutlich reduziert sich verbale Aggression.“ Im Projektjahr 2015 und 2016 erfolgte eine weitere Evaluierung durch die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn unter der Leitung von Frau Dr. Kathrin Seifert. Die ersten Ergebnisse werden in Kürze veröffentlicht.

Wirtschaftlichkeit

In der Projektzeit von ca. 2 Stunden ist ein Mitarbeiter/in (Fachkraft) ihrer Einrichtung intensiv mit der Betreuung von 8 -10 Bewohnern gemeinsam mit mir tätig. Hier werden andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlastet. Mit der Verbesserung in den Bereichen Kognition, Kommunikation, Motorik und Emotion bei den Projektteilnehmern wird die Arbeitsbelastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verringert. In der Studie von Uwe Schacher, ISIS, Frankfurt, wird auch die Nachhaltigkeit der positiven Entwicklungen bei den Projektteilnehmern festgestellt.

Fazit

Die wissenschaftlichen Auswertungen der Projektjahre und die Rückmeldung des Pflegepersonals wie auch der Angehörigen zeigen, dass „männertypische“ Projektthemen und –tätigkeiten, insbesondere, wenn Fantasie, Kreativität und haptische Aktivitäten gefördert werden, auf die Teilnehmer positiv wirken. Mir scheint es aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen wahrscheinlich, dass durch die Teilnahme am hier beschriebenen Projekt den an Demenz erkrankten Menschen ein Teil ihrer Lebensqualität zurück gegeben werden kann.

hortus Hortus Signorum Titel signorum

Konzept

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Hier erfahren Sie etwas über das Konzept und die Idee welche hinter Hortus Signorum steht. Details

Studien

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Auf diesen Seiten erfahren Sie mehr über das Projekt Hortus Signorum. Die aktuellen Studien und weitere Informationen bezüglich der bildhauerischen Methoden für Demenz erkrankte. Details

Kontakt

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bildergalerie

hortus signorum
Rudolf P. Schneider


Münstereifeler Straße 16, 53505 Kreuzberg/Ahr
Telefon: 02643 1265
E-Mail : info@hortus-signorum.de